Passfahrten

Kurz nach 6 Uhr hält der Zug in Villach. Es regnet leicht. Wir verstauen unsere Sachen, die wir über Nacht im Liegewagen hatten und machen uns sogleich auf den Weg. Die erste Hürde heisst Wurzenpass. Er ist zwar nicht der höchste, mit 18% Steigung aber allemal eine Herausforderung für Mensch und Maschine. Wir treten fröhlich mit und passieren nach knapp 20 Minuten die slowenische Grenze. Nach einer kurzen Talfahrt erreichen wir den bekannte Skiort Kranjska Gora. Etwas ausserhalb des Dorfes befindet sich der Jasna-See. Ein Steinbock mit goldenen Hörner bewacht den Parkplatz. Da es noch nicht einmal 8 Uhr ist, sind wir praktisch alleine.

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Das staunt der Steinbock bei Kranjska Gora: was ist denn das für ein futuristisches Fahrzeug?

Der nun bevorstehende Pass fordert noch einmal Twike und Fahrer. Mit 14% Steigung nicht mehr ganz so steil wir der Wurzenpass. Nun aber geht es auf über 1600 Meter hoch über den Vršič-Pass (zu deutsch Werschitz- oder Werschetzpass). Charakteristisch sind die Kurven aus Kopfsteinpflaster. Für das Twike zwar kein Problem, aber doch immer wieder ein Grund, dass ich die Geschwindigkeit in den Kurven stark drossle. Insgesamt führen 50 Haarnadelkurven über den Pass, der anfangs des ersten Weltkrieges als Militärstrasse diente.

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Jede Spitzkehre ist mit Pflastersteinen markiert und nummeriert. So kann man keine Kurve verpassen – ist auch besser so!

Der Pass dient eigentlich als Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen in den Julischen Alpen. Leider will das Wetter aber überhaupt nicht mitspielen. Wir nutzen eine kurzen Regenpause für ein (im wahrsten Sinn des Wortes) Passfoto und machen uns sogleich wieder auf die Talfahrt.

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Die Haarnadelkurven sind geschafft. Dank kräftigem Mitpedalen waren die 14% Steigung kein Problem.

Auch auf der Südseite ist der Pass ziemlich steil und geprägt von den vielen Haarnadelkurven. Wir fahren mit durchschnittlich mit 30 km/h und rekuperieren, was das Zeug hält. Auf 7 km Länge vergrössert sich unsere Reichweite um 8 km! Wenn das nicht effizientes Fahren ist! Da wir allerdings auf der Bergfahrt auch anständig Energie verbraucht haben, erreichen wir bis zum Fuss des Passes doch nur einen durchschnittlichen Verbrauch von 62 Wh/km – aber immerhin.
Die Strasse führt entlang des Flusses Soča. Wir geniessen die wilde Natur und entschliessen uns für eine kurze Snack-Pause.

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Eine abenteuerliche Hängebrücke für Wanderer oder Twikepiloten, die mal eine kurze Pause benötigen.

Einige Kurven weiter talwärts erwartet uns bereits das nächste Schauspiel: der Boka-Wasserfall. Er donnert über zwei Stufen ins Tal – eine erste mit gut 106 m Höhe, eine zweite mit 30 m Höhe. Wir lassen unser Twike bei einer Brücke stehen und wandern einen Weg in Richtung Wasserfall. Als der schmale Pfad plötzlich steil zum Bachbett abfällt, entscheiden wir uns für eine Fotopause und die anschliessende Rückkehr. Die Pracht dieses Wasserfalls ist nur zu sehen, wenn man sich nicht zu nahe befindet. Und obschon wir noch einige hundert Meter entfernt sind, glauben wir den Windzug des tobenden Wassers zu spüren. Der Nieselregen auf unseren Kleidern schreiben wir allerdings dem Wetter zu.

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Der Boka-Wasserfall ist einer der wasserreichsten in ganz Slowenien.

Da das Wetter keinerlei Anstalten macht, besser zu werden – im Gegenteil, zwischendurch schüttet es wie aus Kübeln – entscheiden wir uns, bei einem Mittagessen in einem Restaurant eine geeignete Unterkunft zu suchen. Weil wir nicht genau wissen, wie lange wir noch unterwegs sind, wollen wir die Pause gleich zum Nachladen nutzen. Bereits beim ersten Restaurant ist der Chef sofort bereit, uns mit Strom auszuhelfen. Wir parkieren das Twike an der Rückseite und führen ein Kabel direkt vom kleinen Saal via Fenster zu unserem Fahrzeug. Jetzt kann Reichweiten mässig nichts mehr schief gehen. Das Essen ist nicht gerade erstklassig, aber wie heisst es so schön: einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Wir werden satt und auch die Akkus wieder voll.

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Pizza mit Speck und Oliven – im Plural mindestens auf der Speisekarte.

Je näher wir unserem Ziel kommen, je weniger kurvenreich ist die Strasse. Der Regen lässt immer wieder mal nach, um dann sogleich wieder heftig einzusetzen. Die Lüftung läuft praktisch im Dauerbetrieb. Ein Glück, dass ich diese auch ohne Heizung betätigen kann. Plötzlich entdecke ich am linken Hang eine grosse Photovoltaik-Anlage. Da wir aber noch immer reichlich voll sind und die genaue Zufahrt nicht auf anhin ersichtlich ist, verzichten wir auf einen Besuch und setzen unsere Reise fort.

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Bei Podnanos (Poreče) sehen wir aus der Ferne ein Solarkraftwerk. Die Akkus sind fast voll und wir verzichten auf einen Besuch.

Inzwischen haben wir uns nämlich telefonisch bei einem Bauernbetrieb angemeldet, der über einige Gästezimmer verfügt. Natürlich war eine der ersten Frage, ob wir auch unser Fahrzeug laden können und dürfen. Um die Gastgeber nicht zu erschrecken, haben wir unser Fahrzeug als elektrisch unterstütztes zweiplätziges Liegefahrrad umschrieben. Die Elektromobilität ist in Slowenien wahrscheinlich praktisch unbekannt. Was wir jetzt noch nicht wissen: auf der ganzen Reise begegnet uns nur ein einziges Elektrofahrzeug! Und auch offizielle Ladestationen gibt es nur ganz wenige. Obschon unsere Pension auch noch gröberes Lade-Geschütz zu bieten hätte, entscheiden wir uns für die Schuko-Dose und eine Schonladung mit 5 A. Über Nacht sind wir ja nicht in Eile und die Akkus sind dank der Zwischenladung auch nicht wirklich leer geworden.

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Etappenziel Narin: hier gibts aus der Schukodose bis zu 16 A Strom. Weil wir die ganze Nacht laden, beschränken wir uns auf 5 A.

Da wir am ersten Tag bereits kurz nach 6 Uhr losgefahren sind, kommen wir weiter, als wir eigentlich geplant hatten. Aufgrund des ständigen Regens haben wir gefühlsmässig aber nichts verpasst. Wir geniessen ein Bad (ebenfalls bei Regen!) im Pool, wärmen uns unter der Dusche und lassen uns von der Chefin bei einem reichhaltigen slowenischen Nachtessen verwöhnen. Geschlagen, aber überglücklich fallen wir noch vor 21 Uhr in die Federn. Was der nächste Tag bringen mag, wissen wir noch nicht. Für die Planung wollen wir erst einmal das Wetter abwarten.

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Mit Nachladen während der Mittagspause schaffen wir heute die längste Tagesetappe.

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Das Höhenprofil des zweiten Reisetages