von Rickenbach nach Meran

Es ist 8 Uhr morgens. Die Reise kann beginnen! Das Twike ist gut beladen. Die Sonne lacht – das Verdeck verstaut. Die erste Etappe ist mit rund 320 km gerade so lang, dass ich mindestens einmal zwischenladen muss. Ausgerüstet mit einer Reichweite von gut 200 km, sowie zwei Zusatzladegeräten um die Zeiten der Ladestops begrenzt zu halten, ist das Twike in hervorragender Reiseverfassung. Ich habe mir den mehr oder weniger kürzesten Weg herausgesucht, erlaube mir aber doch, einige besonders schöne Landstriche zu durchfahren.

Ein letzter Blick Richtung Zentralschweiz.

Ein letzter Blick Richtung Zentralschweiz.

Ich komme zügig voran und erlaube mir am Walensee – nach einem kurzen Stück Autobahn, um nicht via Kerenzerberg fahren zu müssen – einen kurzen Zwischenhalt. Dieser Stop ist kurzweilig, tummeln sich am Himmel doch einige Acropiloten, denen ich eine Weile zusehe.

Nach den Turnübungen in der Luft landen die Piloten direkt am See.

Nach den Turnübungen in der Luft landen die Piloten direkt am See.

Inzwischen ist es kurz vor Mittag und ich will das Twike vor dem Aufstieg bis auf den Ofenpass noch wieder etwas nachladen. Mindestens bis auf die Passhöhe soll ausreichend Spannung in den Akkus sein. Bei der anschliessenden Talfahrt setze ich auf die Rekuperation.

Auf lemnet.org habe ich mir kurz vor Bad Ragaz eine Ladestation bei einer Autogarage herausgeschrieben. Nur klappen will es leider nicht. Obwohl die Ladestation mit Typ2 eingetragen ist, kann ich meinen Typ2-Adapter nicht einstecken. Als Service am Kunden kann nämlich das Kabel von der Ladestation direkt beim Auto eingesteckt werden. Ich brauche allerdings eine Anschlussstelle an der Ladesäule. Da ich ausreichend Energie habe, mache ich mich auf die Suche der nächsten Ladestation. Doch auch bei der nächsten habe ich Pech. Leider passt mein Plugfinder-Schlüsselanhänger nicht. Ich kann den Stromfluss nicht freischalten. Es muss eine dritte Möglichkeit her. Diese finde ich direkt beim Heidi Hotel in Maienfeld. Und hier klappt’s!

Um eine nicht allzu lange Mittagszeit geniessen zu müssen, lade ich mit dem Typ2-Adapter. Nebst Wechselrichter sorgen die zwei Zusatzladegeräte, dass es tatsächlich bald wieder voran geht. Die Anzeige verrät mir, dass ich in knapp einer Stunde wieder mit gefüllten Akkus los kann.

In Maienfeld wird gegessen und geladen.

In Maienfeld wird gegessen und geladen.

Noch bevor die Akkus wieder voll sind, verstaue ich das Kabel im Twike. Ein E-Golf ist gerade angerollt und froh, dass er ebenfalls hier nachladen kann. Für den Rest der heutigen Tagesetappe sollte der Energievorrat reichen. Zudem habe ich mich spontan entschieden, den Flüela links liegen zu lassen und mit dem Autozug ins Engadin zu reisen. Ich liebe solche Verlade, sei es auf der Schiene oder auf einer Fähre.

Wie immer gibt es am Kassenhäuschen zuerst lange Blicke und dann die Frage, als was ich mein Fahrzeug deklarieren würde. „Haben Sie Fahrrad mit Seitenwagen?“ – „Oder gibt es die Kategorie Liegetandem mit Elektrounterstützung?“ Der Blick der Kassierin wird immer länger. Natürlich akzeptiere ich ihren Vorschlag sofort, wie ein Motorrad behandelt zu werden.

Entgegen den meisten anderen Autoreisezügen darf ich hier im Twike sitzen bleiben. Normalerweise haben sie für Töfffahrer einen speziellen Wagon, den auch in der Regel benütze. Diesmal wird es zwar gemütlich, dafür ziemlich frisch. Ich lege die Jacke über mich und döse dem anderen Tunnelende entgegen.

Um etwas Energie zu sparen, nehme ich am Vereina den Autoverlad.

Um etwas Energie zu sparen, nehme ich am Vereina den Autoverlad.

Die Reise durch den Nationalpark verläuft entspannt. Wie bereits seit meiner Abfahrt in Maienfeld bin ich nun viel am Pedalen. Der Motor summt, der Fahrtwind rauscht durch’s Haar: ich geniesse das Twiken in vollen Zügen!

Auf der Passhöhe mache ich noch schnell ein Bild und setze meine Reise auch gleich wieder fort. Heute herrscht hier oben viel Betrieb. Nebst unzähligen Motorrädern und PWs haben sich auch einige Touristencars hier hin verirrt.

Der höchste Punkt auf der Reise nach Venedig ist geschafft!

Der höchste Punkt auf der Reise nach Venedig ist geschafft!

Bis zum Ziel gibt es Genuss pur. Jetzt brauche ich nicht mehr in die Pedalen zu treten, denn es geht stetig Berg ab. Die Strecke ist mir vom letzten Jahr noch gut bekannt. Damals sind wir auf der Wave hier durchgefahren. Erst als die Kreuzung ein Abbiegen Richtung Stilfserjoch ermöglicht, verlasse ich die bekannte Route und rolle gemütlich Richtung Meran weiter. Das Wetter ist nach wie vor herrlich und die Kulisse einzigartig.

Durch idyllische Kulisse geht es gemütlich Richtung Meran.

Durch idyllische Kulisse geht es gemütlich Richtung Meran.

Mein heutiges Ziel ist Algund – unmittelbar vor Meran. Im Internet habe ich einen kleinen Campingplatz entdeckt, den ich für die erste Nacht aufsuchen will. Gegen 17 Uhr rolle ich freudig strahlend durchs Tor und parke mein Vehikel direkt vor dem Empfang. Die Rezeptzionistin und ein Campinggast kommen sogleich herbei und bestaunen mein Gefährt. Geduldig gebe ich Auskunft. Es sind immer die gleichen Fragen: Wie weit kommt man? Wie schnell fährt es? Muss man treten? Was kostet es?

Als ich alles brav beantwortet habe – inzwischen ist eine gute halbe Stunde vergangen – will ich wissen, ob ich denn hier übernachten könne. Leider nein! Statt mich gleich weiterziehen zu lassen, haben mich die beide also lieber aufgehalten. Schade, denke ich mir. Der Platz ist tatsächlich schön. Ich will gerade auf meinem Smartphone eine Alternative ausfindig machen, als mir die Frau von der Rezeption freudig eröffnet, dass sie für ein so spezielles Gefährt ganz bestimmt einen Platz findet.

Sie greift zu Telefonhörer und ruft den Platzbesitzer an. Dieser ist ortsansässiger Weinbauer und gerade mit seinen Reben beschäftigt. Diesem erzählt sie vom lustigen Fahrzeug, dass hier stehe und dass ich vor der Weiterfahrt auf Strom angewiesen sei. Dies stimmt zwar nicht. Ich will aber nicht intervenieren. Nur kurze Zeit später eröffnet sie mir, dass sie einen Platz gefunden hätte. Ich könne direkt neben den Reben das Zelt aufschlagen und das Twike hinter dem Sanitärhäuschen mit Strom versorgen. Das Ganze hätte einzig einen kleinen Hacken. Ich müsse das Zelt spätestens um 7 Uhr wieder weggeräumt haben, da dann der Bauer mit dem Traktor durch die Reben fahren möchte.

Obschon der Camping eigentlich ausgebucht ist, wird für mich und vor allem das lustige Fahrzeug eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht.

Obschon der Camping eigentlich ausgebucht ist, wird für mich und vor allem das lustige Fahrzeug eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht.

Das kommt mir eigentlich gelegen, denn ich will den morgigen Tag für die Reise bis nach Venedig nutzen. Doch zum Zelt aufstellen ist es definitiv noch zu heiss. Ich entschliesse mich, erst einmal im Freibad in der direkten Nachbarschaft etwas abzukühlen. Die Kinderdichte ist zwar äusserst hoch, doch für zwei drei Schwimmzüge reicht es. Nach rund dreiviertel Stunden fühle ich mich wieder wie neu geboren und mache mich auf den Weg zum Campingplatz. Das Zelt ist schnell aufgestellt und in meinem Magen macht sich der Hunger bemerkbar. Ebenfalls an den Camping angrenzend gibt es eine Pizzeria, die ich aufsuchen möchte.

Direkt neben den Reben kommt das Zelt zu stehen. Allerdings heisst es früh aufstehen, da der Bauer sich für 7 Uhr angemeldet hat, um mit dem Traktor einige Arbeiten auszuführen.

Direkt neben den Reben kommt das Zelt zu stehen. Allerdings heisst es früh aufstehen, da der Bauer sich für 7 Uhr angemeldet hat, um mit dem Traktor einige Arbeiten auszuführen.

Gerne möchte ich den ersten Reisetag mit einer leichten Vorspeise und einer Pizza ausklingen lassen. Schade, dass der Kellner meine Frage, ob ich den Fleischteller mit lokalem Trockenfleisch auch in einer kleinen Variante als Vorspeise haben kann, völlig falsch versteht. Schon bald steht vor mir ein ausgewachsener Riesenteller für mindestens zwei Fuhrleute. Da ich bereits feststellen konnte, dass sie hier die Speisereste verpacken und mitgeben, entschliesse ich mich, trotzdem einen kleinen Happen zu essen und den Rest für morgen aufzuheben. Fleisch und Pizza schmecken vorzüglich. Nach einer gemütlichen Zeit verlasse ich das Restaurant mit vollem Magen und einer Pizzaschachtel gefüllt mit Fleisch und einigen Pizzastücken. Der Reiseproviant für den kommenden Tag ist damit bereits organisiert.

Inzwischen ist die Sonne seit fast einer Stunde untergegangen und die Temperatur beginnt langsam angenehme Werte anzunehmen. Ich verweile noch etwas vor dem Zelt und lege mich dann schlafen. Morgen soll ich ja früh wieder aus den Federn steigen, um rechtzeitig dem Traktor Platz zu machen.